Persönlichkeit fördern – Schutzfaktoren vermitteln

Seit den achtziger Jahren hat Suchtprävention ihr Vorgehen geändert: Von Abschreckung und drogenspezifischer Informationsvermittlung hin dazu, eine gesunde, selbstbewußte und eigenverantwortliche Persönlichkeit zu fördern. Dabei konzentriert sie sich nicht mehr ausschließlich auf die einzelnen Substanzen, die Risikofaktoren und die möglichen Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen, sondern vermittelt “Schutzfaktoren”. also sogenannte protektive Faktoren, im Sinne persönlicher Handlungskompetenz. Präventiv wirksam haben sich dabei pädagogische Ansätze erwiesen, die neben altersgemäßen suchtspezifischen Sachinformationen auch konkrete Fertigkeiten vermitteln.
Prävention will die persönlichen Handlungskompetenzen Jugendlicher stärken
Sie sollen Kinder und Jugendliche befähigen, mit Entwicklungsaufgaben und alltäglichen Herausforderungen der Adoleszenz produktiv fertig zu werden. Suchtvorbeugend sind dabei besonders personale Schutzfaktoren, zum Beispiel gute Belastungsverarbeitung, starkes Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, Kontakt- und Kommunikationsfähigkeit sowie ein sensibler Umgang mit psychoaktiven Substanzen aller Art.

Ab der frühen Kindheit
Gesundheitsrelevante Verhaltensweisen und Kompetenzen sind um so stabiler, je früher sie erworben werden. Deshalb muß ihre Vermittlung bereits in der frühen Kindheit beginnen, also lange vor dem ersten Konsum der gängigen Suchtmittel Nikotin und Alkohol. Eine so verstandene Vorbeugung ist nur langfristig und kontinuierlich umzusetzen, wobei die vielschichtigen und komplexen Ursachenbündel berücksichtigt werden müssen. Sie bezieht auch das gesamte Lehensumfeld der jeweiligen Zielgrippen (Familie, Kindergarten, Schule, Freizeitbereich und Arbeitswelt) in seiner stützenden Funktion mit ein.

Persönliche Ressourcen
Handlungskompetenzen zu vermitteln schafft persönliche Ressourcen. Sie machen es überflüssig, belastende Situationen durch Suchtstoffe zu bewältigen und sind damit Voraussetzung und Grundlage dafür, mit Suchtmitteln selbstkritisch und verantwortungsvoll umzugehen. Da es vielfältige Motive für den Konsum gibt. kann die Handlungskompetenz aber nicht zwangsläufig verhindern, daß legale und illegale Rauschmittel konsumiert werden. Dementsprechend führt sie nicht unbedingt zur Abstinenz. Deshalb wird gelegentlich gefordert, wieder eher restriktiveMethoden anzuwenden. Dies entspricht angesichts der belegten Unwirksamkeit wohl mehr einem ideologischen Hintergrund und nicht einer Notwendigkeit, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen basiert.

Das Risiko mindern
Konzeptionelle Überlegungen zur Suchtvorbeugung müssen vielmehr zunehmend berücksichtigen, daß besonders Jugendliche und junge Erwachsene in einer bestimmten Lebensphase Drogen probieren oder mit ihnen experimentieren. Dies unabhängig davon, ob der Konsum möglicherweise gesundheitsschädigend, legal oder illegal ist. Wenn Suchtvorbeugung die Gesundheit des Einzelnen schütten will, muß sie auch den risikomindernden Umgang mit Suchtstoffen vermitteln. Und zwar bei denen, die nicht auf den Konsum von Rauschmitteln verzichten wollen, aber keinen süchtigen beziehungsweise noch keinen süchtigen Gebrauch haben. Das heißt nicht, die maximale Forderung nach einem Verzicht auf solche Substanzen aufzugeben. Vielmehr sollen jene Ansätze ausgebaut werden, die sich als wirksam herausstellten, und durch bestimmte Angebote und Aktivitäten etwa im Bereich jugendlicher Konsumenten ergänzt und erweitert werden. Strategien und Konzepte für das Stadium des Probierens und Experimentierens sind so anzulegen, daß die Konsumenten begleitet werden, und zwar mit geeigneten Maßnahmen und auf der Grundlage einer akzeptierenden Haltung, um Risiko und Schaden zu minimieren. Eine akzeptierende Haltung bedeutet nicht generell, den Drogenkonsum zu befürworten, sondern ihn in seiner Funktion für den Betreffenden subjektiv als sinnvoll erlebte Handlunglung zu verstehen.
Das betrifft sowohl legale wie illegale Suchtstoffe. Bei Strategien der Prävention muß immer die Gesundheit beziehungsweise der Schutz des Einzelnen im Vordergrund stehen. Ziel ist, die Konsumenten im Sinne einer Risiko-und Schadensminimierung zu “begleiten” und Möglichkeiten zu eröffnen, den Konsum zu reflektieren, möglicherweise zu reduzieren oder sogar ganz einzustellen.

Dialog mit Konsumenten
Erste Ansätze dazu sind sogenannte Info-Cards im illegalen Bereich mit Hinweisen auf riskante Konsumformen oder gezielte Informationen über riskante Trinksituationen bei Alkohol (Punktnüchternheit), um in einen Dialog mit den Konsumenten einzutreten. So fördert eine Risikominimierung die Gesundheit, ohne das Abstinenzpostulat in den Vordergrund zu stellen. Solche Ansätze sind weilerzuentwickeln. Weiterhin ist dafür zu sorgen, daß Suchtmittelmißbrauch und -abhängigkeit verhindert werden, indem man Risikogruppen früh erkennt und identifiziert und sie zu einem maßvollen, selbstbestimmten und verantwortungsvollen Suchtmittelkonsum befähigt. Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung, zum Beispiel über die tieferen Ursachen von Sucht, sind kontinuierlich in die Konzepte vor Ort einzubeziehen. Multiplikatorenschulungen transportieren sie in die konkreten Praxisfelder der Suchtvorheugung, eine entsprechende Öffentlichkeitsarbeit bringt sie der Bevölkerung näher. Suchtvorbeugung, im Landesprogramm gegen Sucht NRW als eine wichtige Querschnittsaufgabe von Erziehung und Bildung, Jugend und Sozialhilfe, Gesundheits- und Altenhilfe beschrieben, muß weiterhin einen eigenständigen Bereich unter dem Dach der Suchthilfe bilden. Weder die Auflösung der Suchtvorbeugung in eine allgemeine, eher unspezifische Gesundheitsförderung noch ihre Einengung in substanzbezogene Wissensvermittlung würde dem komplexen Problemfeld Sucht gerecht werden.

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